| (Welt, Die / Wirtschaft / 26.11.2000)
Lebensmittel-Skandal in USA weitet sich aus Manipuliertes Protein taucht in mehreren Getreidesorten auf - Aventis verständigt Landwirtschaftsministerium. Von Hannelore Crolly. San Francisco - In den USA weitet sich der Skandal um genmanipuliertes Saatgut aus: Das von dem deutsch-französischen Aventis-Konzern entwickelte Protein Cry9C ist völlig überraschend in weiteren Getreidesorten aufgetaucht. Bisher war Cry9C, das nicht für Lebensmittel genehmigt ist, nur mit der Maissorte Starlink in Verbindung gebracht worden. Als Spuren von dem nicht für den menschlichen Verzehr zugelassenen Getreide in Lebensmitteln aufgetaucht waren, hatten vor einigen Wochen über 300 verschiedene Produkte von Taco-Fladen bis zu Backmischungen aus dem Handel genommen werden müssen. Der Schaden für die beteiligten Firmen liegt nach ersten Schätzungen im hohen mehrstelligen Millionenbereich. Aventis stellt Starlink nicht selbst her, sondern vergibt die Lizenz für die Technologie an Dritte. Der Konzern hat mittlerweile das US-Landwirtschaftsministerium, die Umweltschutzbehörden und die Food and Drug Administration (FDA) darüber informiert, dass das genveränderte Protein in mehreren Getreidesorten der Firma Garst Seed aus Iowa aufgetaucht ist. Aventis Crop Science, die Landwirtschaftssparte des Aventis-Konzerns, habe eigene Tests gemacht, als sich immer mehr Farmer über das Auftauchen von Cry9C beschwerten, heißt es in einer Stellungnahme des Konzerns. Die Bauern sind seit Monaten in Hab-Acht-Stellung und testen mit einer speziellen, unter anderem auch von Aventis zur Verfügung gestellten Ausrüstung ihre Getreidesorten auf unerlaubte, gentechnisch veränderte Inhaltsstoffe. Aventis wie Garst haben nach eigenen Darstellungen keinerlei Erklärung dafür, wie Cry9C in das Getreide gekommen ist. Offenbar breitet sich das Genprotein im Freien unkontrolliert aus. Aventis Crop Science hatte Garst eine Lizenz zum Einsatz von Cry9C erteilt, allerdings ausschließlich für den Starlink-Mais. Das Protein ist von der Umweltschutzbehörde lediglich als Tierfutter und für Industriezwecke zugelassen, weil es unter dem Verdacht steht, Allergien zu erzeugen. Unklar ist bisher, ob die Entdeckung zu weiteren Rückrufaktionen im Handel führen wird. Aventis weist in seiner Stellungnahme ausdrücklich die Verantwortung von sich. Die Produzenten des Saatgutes, also in diesem Falle Garst, hätten Sorge dafür zu tragen, dass das gentechnisch veränderte Material nicht in falsche Kanäle gerate. Allerdings bemüht sich Aventis auch um Schadensbegrenzung. Bisher lägen keinerlei gesicherte Hinweise darauf vor, dass Starlink tatsächlich Allergien hervorrufe, heißt es. Entwickelt wurde Cry9C von der Berliner Agrevo, seinerzeit ein Gemeinschaftsunternehmen von Schering und Hoechst. Nach der Fusion von Hoechst mit Rhône Poulenc ist Agrevo in der Konzernsparte Aventis Crop Science aufgegangen, Schering hält weiter eine Minderheitsbeteiligung von knapp 24 Prozent an dem Agro-Geschäft. Der Schaden, den der Skandal beim Gewinn der Sparte anrichten kann, steht noch nicht fest. Einige Analysten hatten sich bei ihrer Prognose bis in die Höhe von einer Mrd. Dollar vorgewagt. Das hat Aventis mittlerweile zurückgewiesen. Nach ersten Erkenntnissen, heißt es diplomatisch in einer Pressemitteilung, werde die Belastung wohl "deutlich unter den Zahlen, die in der Presse aufgetaucht sind", liegen. (Welt, Die / Wirtschaft / 26.11.2000) Immer mehr Fertigprodukte enthalten Gen-Rohstoffe Prüfer finden immer wieder Anteile von genetisch verändertem Mais und Soja Berlin - Bei der Kontrolle von Lebensmitteln, für die die Landesbehörden zuständig sind, finden die Prüfer immer wieder Anteile von genetisch verändertem Mais und Soja. Inhaltsstoffe wie Öle oder der Emulgator Lecithin werden in den unterschiedlichsten Lebensmitteln verarbeitet, ohne dass dabei ihre transgene Herkunft nachweisbar wäre. Und der entdeckte Anteil transgener Bestandteile in Lebensmitteln ist auch meist geringer als der in der EU erlaubte Schwellenwert von einem Prozent, so dass viele der Produkte nicht einmal beschriftet werden müssen. Die Hersteller verstoßen dadurch keineswegs gegen die herrschende Kennzeichnungspflicht, obwohl sich viele Verbraucher mehr Einsicht wünschen würden. Dass die Gentechnik in den Nahrungsbereich Einzug gehalten hat, belegen folgende Beispiele: Die Lebensmittelüberwachung in Schleswig-Holstein wurde zum Beispiel in 26 Fällen von 61 untersuchten Nahrungsprodukten fündig. Die Kontrolleure konnten transgenen Mais in der Auswahl aus Cornflakes, Popkorn, Maismehl und Polenta nachweisen. Aber nur in einem Fall wurde der Schwellenwert überschritten. Das Hamburger Hygieneinstitut untersuchte mehr als 15 000 Lebensmittel. Und in zwölf Prozent der sojahaltigen Produkte wie Tofu oder Eiweißdrinks wurden Anteile von gentechnisch verändertem Soja gefunden. Und die Stiftung Warentest wurde in beispielsweise 31 von 82 Fällen fündig, so auch in Backmischungen für amerikanische Pfannkuchen, vegetarischem Brotaufstrich oder Soja-Eis. Die Prüfer fanden zudem Anteile der in der EU noch nicht zugelassenen Maissorte "Roundup-Ready". Auch die Umweltorganisation Greenpeace führt regelmäßig Untersuchungen durch. Dabei werden zwar immer wieder "Verunreinigungen" mit transgenem Material gefunden, aber die Werte liegen meist unter einem Prozent. Betroffen sind davon Importprodukte wie Tacco-Schalen, seltener dagegen einheimische maishaltige Waren. Schwieriger wird es allerdings zunehmend bei Sojaprodukten, da diese Bohnen nicht in Deutschland angebaut werden. Und Hauptlieferant USA bepflanzt dieses Jahr etwa 54 Prozent seiner Soja-Felder mit transgenen Pflanzen, deren Früchte sich anscheinend nur schwer von den übrigen trennen lassen. In Argentinien, einem weiteren wichtigen Soja-Exporteur, wachsen transgene Soja-Pflanzen gar auf 81 Prozent der Anbaufläche. Besonders "gentechnik-rein" ist nach Angaben von Greenpeace Babynahrung, die Hersteller hätten sich selbst einen Grenzwert von 0,1 Prozent auferlegt. Jedoch bietet auch er keine Sicherheit, dass sich in den Lebensmitteln dann überhaupt keine Bestandteile von gentechnisch veränderten Pflanzen befinden. SK (Welt, Die / Wirtschaft / 26.11.2000) Die grüne Gentechnik birgt unkalkulierbare Risiken Analyse von Hannelore Crolly Zürich. Paradoxe Welt: Einst war es ein Großkonzern aus der Schweiz, der uns mit dem Businessmodell der "Life Science" beglückte, jener durch die Gentechnik geklammerten Vereinigung von Pharma und Landwirtschaft also, die angeblich eine so blühende Zukunft verhieß. Und ausgerechnet in der Schweiz wiederum findet dann eine Studie heraus, dass die wirklich guten Marktchancen der Bauern im Verzicht auf genmanipulierte Pflanzen liegen. Uneinige Eidgenossen? Gescheitertes Konzept Bei näherem Hinsehen ist der Widerspruch eigentlich gar keiner. Denn eben jener Novartis-Konzern, der Mitte der neunziger Jahre zu keinem anderen Zwecke als zur Verehelichung der beiden Sparten Medizin und Landwirtschaft gegründet worden war, hat als Erster sein dahinwelkendes Agrogeschäft wieder abgestoßen. Und damit zugegeben, dass das "Life Science"-Konzept gescheitert ist. Der Grund dafür liegt nicht nur darin, dass die erhofften Synergien nicht zu realisieren waren. Das Geschäft mit Pflanzengift und grüner Gentechnik birgt, wie sich jetzt im Falle von Aventis zeigt, auch ganz erhebliche, nicht kalkulierbare Risiken. Außerdem basiert es auf Annahmen, die alles andere als bewiesen sind. So ist es etwa kaum mehr als eine aus der Luft gegriffene Behauptung zu sagen, die Lebensmittelversorgung einer wachsenden Weltbevölkerung sei nur durch Gentechnik zu gewährleisten. Böse hat es Aventis, aber auch Mitbewerber wie Monsanto, vor allem beim genmanipulierten Saatgut erwischt. Jahrelang versuchten die Konzerne, in Europa mit der Mitteilung Stimmung für die grüne Gentechnik zu machen, amerikanische Bauern und Verbraucher hätten gegen genveränderte Lebensmittelstoffe gar nichts einzuwenden. Das war falsch. Zwar sind mittlerweile tatsächlich schon 25 Prozent der Getreideflächen in den USA mit manipuliertem Saatgut bepflanzt. In manchen Gebieten wie South Dakota oder Minnesota liegt der Anteil gar bei fast der Hälfte. Bei den Getreidesorten handelt es sich wie bei dem umstrittenen Starlink häufig um Pflanzen, in deren Biologie so eingegriffen wurde, dass sie weniger oder ganz bestimmte Pflanzenschutzmittel benötigen, wie etwa das Roundup-Ready-Getreide von Monsanto, das dank einer Genbehandlung nur gut auf das hauseigene Herbizid Roundup zu sprechen ist. Diese Entwicklung haben die Anbieter ebenfalls jahrelang als Segnung gepriesen. Viele Bauern sehen das jetzt aber anders. Nach dem Auftauchen des nicht zugelassenen Starlink in Lebensmitteln und - was fast noch schlimmer ist - dem unkontrollierbaren Ausbreiten des manipulierten Proteins herrscht helle Aufregung. Großabnehmer der Bauern wie der Lebensmittelproduzent Tate & Lyle oder Archer-Daniels-Midland warnen die Farmer schon mehr oder weniger offen davor, ihnen weiter genmanipuliertes Getreide zu liefern. Anwälte aus 16 Staaten haben Aventis bereits einen Gemeinschaftsbrief mit der Aufforderung geschickt, mit mehr Nachdruck dafür zu sorgen, dass die Bauern künftig vor finanziellen Einbußen durch solche Zwischenfälle verschont bleiben. Und das, obwohl es keinerlei Hinweise darauf gibt, dass der Starlink-Mais schädlich ist. Die Empörung entspringt also einer ähnlich tief verwurzelten Unsicherheit gegenüber der Gentechnik wie bei den Europäern. Und in Ländern wie Japan, einem Großabnehmer für amerikanisches Getreide, sitzt dieses Misstrauen ebenfalls tief. Nach dem Aufkommen des Skandals mit Starlink hatten japanische Kunden zunächst ihre Bestellungen storniert. Die Gesellschaft ist offensichtlich auch nicht bereit, möglicherweise unethische Anwendungen der Gentechnik zu tolerieren. So musste Monsanto schriftlich zusagen, kein durch Gentechnik sterilisiertes Saatgut auf den Markt zu bringen. Die Pflanzen aus solchen Samen hätten im nächsten Jahr nicht noch einmal geblüht - was zum finanziellen Ruin vor allem kleiner Bauern in der Dritten Welt führen würde. Wie es scheint, sollte Aventis seine Entscheidung, das Crop-Science-Geschäft mit dem Namen "Agreva" an die Börse zu bringen, doch noch ein wenig zurückstellen. Im Moment würden sich die Investoren wahrscheinlich wohlweislich zurückhalten. Immerhin ist es in den USA wahrscheinlich nur eine Frage der Zeit, bis findige Verbraucheranwälte die ersten Millionenklagen wegen der unzulässigen Verbreitung von genmanipuliertem Saatgut anzetteln. (Welt, Die / Wirtschaft / 26.11.2000) Bund und Industrie wollen Gentechnik-Streit beilegen Treffen von Regierungsvertretern mit Unternehmern der Biotech-Branche Berlin - Im Streit um den kommerziellen Anbau von genmanipulierten Nutzpflanzen unternehmen Bundesregierung und Gentechnikindustrie einen neuen Anlauf zur Einigung. Unter Leitung von Kanzleramtschef Frank-Walter Steinmeier wollten am Donnerstagabend Regierungsvertreter mit Unternehmern der Biotech-Branche zusammenkommen. Die ursprünglich bereits im September geplanten Gespräche gehen auf eine Initiative von Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) zurück. Dabei geht es um ein gemeinsames dreijähriges Forschungsprogramm über Chancen und Risiken der grünen Gentechnik. Die Industrie soll auf die kommerzielle Nutzung gentechnischer Genehmigungen für einen flächendeckenden Anbau bis 2003 verzichten und die Zulassungen zunächst nur im Rahmen des Forschungsprogramms anwenden. DW (Welt, Die / Wirtschaft / 26.11.2000) Versuch und Irrtum Die Kontrolle über die Verbreitung von gentechnisch veränderten Nahrungsmittelgrundstoffen scheitert. Von Ulrich Clauss Berlin. Die Gespräche zwischen Bundesregierung und Nahrungsmittelindustrie über ein Moratorium zur Produktion gentechnischer veränderten Saatguts stehen unter keinem guten Stern. Denn der jüngste Skandal in den USA zeigt: Nicht nur auf dem Acker, sondern offenbar auch im Handel scheitert die Kontrolle über die Verbreitung von gentechnisch veränderten Nahrungsmittelgrundstoffen. Aber bislang funktioniert der Markt als Regulativ gegen solche Proliferation halbwegs - amerikanische Farmer üben Druck auf die Gen-Getreidehersteller aus, weil die Kundenmärkte in Asien und Europa wegzubrechen drohen. Nun ist die Rede von Schadensersatzklagen der Bauern in Milliardenhöhe - aller Erfahrung nach immer noch das wirksamste Mittel gegen fahrlässig operierende Produzenten. Können wir wirklich darauf vertrauen, dass solche Unfälle überhaupt immer erkannt werden? In Europa zumindest fehlen dafür die Voraussetzungen. Keine Versicherung verkauft hier eine Police für derartige Risiken und ein entsprechener Kontrollapparat ist auch nicht vorhanden. Wenn eine Gen-Kontamination aber gar nicht feststellbar ist, bleiben die auch hier im Rahmen des Moratoriums geplanten Freilandexperimente der Nahrungsmittelindustrie Versuche ohne Irrtum, weil dieser gar nicht nachgewiesen werden kann. |